KLuW e. V. - Münsterstr. 114 - 44145 Dortmund

letzte Aktualisierung: 1. November 2017
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Soteria - ein anderer Umgang mit psychotischen Krisen

Unsere Soteria-Arbeitsgruppe: Stand der Diskussion

Der Begriff Soteria stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Rettung, aber auch Wohl, Heil und Bewahrung. Im psychiatrischen Kontext ist damit eine alternative stationäre Behandlung von Menschen in psychotischen Krisen gemeint. Diese soll mit zurückhaltendem Einsatz von Medikamenten und wenig Zwangsmaßnahmen in offenen, wohnlichen Einrichtungen erfolgen.

Wir KLuWler möchten eine solche Einrichtung in Dortmund etablieren und haben zu diesem Zweck eine Arbeitsgruppe gegründet.

Entwickelt wurde das alternative Behandlungsmodell im Zuge der Antipsychiatriebewegung seit den 1960er Jahren. Die erste Einrichtung dieser Art wurde 1971 in Kalifornien (USA) vom Psychiater Loren Mosher gegründet. In Bern (Schweiz) führte der Schizophrenieforscher Luc Ciompi die Methode in Europa ein und wählte für sein Projekt den Begriff Soteria. In Deutschland gibt es seit 1999 in Zwiefalten und seit 2003 in München Soteria-Einrichtungen. Mehrere Kliniken in Deutschland haben mit Erfolg Soteria-Elemente, zum Beispiel weniger Zwangsmaßnahmen, in psychiatrische Akutstationen für alle Diagnosen eingebunden.

 

Die Arbeit Ciompis

Zum Verlauf schizophrener Psychosen formulierte Ciompi ein eigenes psycho-sozio-biologisches Schizophreniemodell, um daraus eine spezielle Behandlungsmethode zu erproben. Das zentrale Anliegen der Soteria (Bern) liegt in der Abschirmung von verwirrenden Umwelteinflüssen und der kontinuierlichen Stützung in tragenden zwischenmenschlichen Beziehungen (vgl. Soteria im Gespräch 1992). Dabei steht das subjektive Erleben psychotischer Menschen im Vordergrund. Ciompi sieht in der Soteria die Hoffnung auf und die Suche nach einer besseren Schizophreniebehandlung, das heißt ein milieutherapeutisches Konzept ohne Medikation bzw. so wenig wie möglich.

Des Weiteren sieht er, dass das affektive und das intellektuelle kognitive Zusammenspiel nicht getrennt voneinander zu sehen sind. Also prägte er den Begriff der Affektlogik, welcher eine umfassende Theorie zum Zusammenwirken von Fühlen und Denken beschreibt. Der Begriff setzt sich zusammen aus Fühlen (Affektivität) und Denken (Logik). 1982 veröffentlichte Luc Ciompi sein Konzept der Affektlogik erstmals in Buchform, welches seither in vielen Publikationen weiter entwickelt wurde.

Mit dem Konzept der Affektlogik (vgl. Affektlogik, über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung, 1982), vertritt Ciompi eine Vulnerabilitäts- und Informationsverarbeitungshypothese. Er geht davon aus, dass es sich bei den Betroffenen um besonders sensible, dünnhäutige, verletzliche Menschen handelt, die mit komplexen affektiv-kognitiven Belastungen, insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich, z. B. Tod, Trennung, Partner- und Berufswahl, weniger gut klar kommen als andere. Nach Ciompi wird das Verrücktwerden als Entwicklungskrise begriffen; eine Chance des Reifens mit konstruktiven Entwicklungsmöglichkeiten.

Wünschenswertes und die Realität

Nach Mosher (dabei sein, Psychosoziale Arbeitshilfen, Treatment at Soteria house - A manual for the practise of Interpersonal phenomenology, 1992) gibt es im Umgang mit dem Wahnsinn Alternativen. Seiner Meinung nach ist eine Wohngemeinschaft für psychisch Kranke sinnvoller und hilfreicher als jede Klinik. Aus Zeitmangel ist das Soteriaprojekt in Kliniken nicht lebbar, auch wenn es sich seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit erarbeitet hat.

Wünschenswert ist, politische Machtverhältnisse zu überwinden, doch die Realität zeigt uns, Ärzte, Krankenhäuser und die Pharmafirmen haben zu viel Macht, um diesen Gedanken umzusetzen. Nicht Ausgrenzung sondern Wertschätzung, Bestätigung, Aufmerksamkeit und Stärkung fördert das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Patienten. Wir legen mit Respekt und Achtung vor der Menschlichkeit unser Beweismaterial aus eigenen Erfahrungen vor.

Wie sieht der Klinikalltag aus? Der Klinikalltag kann dem Patienten nicht gerecht werden. Er wird bestimmt durch einen hektischen und intensiven Arbeitsablauf. Die Technologie bestimmt den persönlichen Kontakt. Teambesprechung, Aufnahmeinterviews, sind Angebote, die den Patienten nicht erreichen und nehmen viel Raum in Anspruch. Aus Zeitmangel können oft Absprachen nicht eingehalten werden und das führt für den Patienten zur Desorientierung. Das Wertsystem der Klinik und die medizinischen Erklärungsmodelle stimmen nicht mit dem Patienten überein, sowohl für Mitarbeiter und Patienten ist es eine Überforderung, beide Seiten haben zu wenig Zeit für einander. Dienstplanung und Teamkonflikte bestimmen hauptsächlich den Rahmen, das hat zur Konsequenz, dass die Patienten durch den Klinikapparat durchgeschleust werden. Die Klinikrealität spiegelt uns die Problematik wieder und wird dem Patienten nicht gerecht.

Handeln aus eigener Betroffenheit

Wir kamen auf die Idee, uns selber mit dem Thema Soteria zu beschäftigen. Zum einen interessiert uns Soteria, weil wir immer wieder mit Krisen von Kluwlern zu tun haben. Wir haben langjährige Erfahrung mit unseren psychischen Krisen fertig zu werden. Zum anderen hätten wir Lust, Leute die aus der Klinik kommen zu unterstützen und ihnen einen Rahmen zu bieten, die Klinik früher zu verlassen.

Aus eigener Betroffenheit wissen wir was wir brauchen und was uns gut tut. Uns geht es nicht darum, Krankheitsbilder (Alkohol, Sucht, Depression, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Manien) zu sortieren, sondern mit der Störung adäquat zu leben und noch mehr gesellschaftliche Integration zu finden bis hin zur Lebensqualität.

Die Grundidee von Soteria ist, statt auf Symptomfreiheit auf Lebensqualität hin zu arbeiten. Die Grundeinstellung der Medizin dagegen ist eher, Krankheiten zu beseitigen.

Bei vielen somatischen Krankheiten haben die Mediziner wirklich schnell und gezielt wirkende Heilmittel. Bei Psychosen sieht das so gut nicht aus, es werden meistens über längere Zeit verschiedene Mittel ausprobiert mit z. T. umstrittenen Resultaten und oft mehr oder weniger gegen den Willen des Patienten. Was bleibt ist dann nur das Vulnerabilitätskonzept, dass man guckt, dass der Patient nicht zuviel und nicht zuwenig Stress hat. Das Stressreduzieren hilft meistens auch, aber ein spezifisches Heilmittel, das schnell die Krankheit heilt, ist es nicht.

Wie bei vielen anderen chronischen somatischen Krankheiten auch fehlen potente Heilmittel, und der Mensch als Ganzes ist gefordert, mit einer besseren und den Schädigungen angepassten Lebensführung seine Krankheit in den Griff zu bekommen. Aus einem ganzheitlichen Menschenbild heraus arbeitet man sowieso eher für den Menschen anstatt gegen seine Krankheit. Es kommt in der Psychiatrie öfter vor, dass in dem Versuch, Symptome zu reduzieren, die Lebensqualität des ganzen Menschen geschmälert wird, ohne dass das dem Patienten viel nützt.

Neben der Bekämpfung der Symptomatik ist die Vermeidung einer Hospitalisierung mindestens genau so wichtig. In einer entspannten Atmosphäre, z. B. in der Soteria, kann man oft mit weniger Neuroleptika ein tragbares Miteinander erreichen. Man ist dann aktiver und leistungsfähiger, was dann mehr Möglichkeiten einer sinnvollen Beschäftigung bietet. So kann man einen Abbau von Lebenskompetenz reduzieren, der bei längeren Klinikaufenthalten das Ausmaß der Schädigung durch die Krankheit selbst erreichen kann.

Es ist ja nicht so, dass keine Hoffnung mehr besteht, wenn man eine Krankheit hat, die schlecht mit spezifischen Heilmitteln zu beseitigen ist. Gesundheit bedeutet im Prinzip immer, dass man kleinere Störungen einfach mit ins Leben nimmt und trotz diverser Zipperlein sich auf seine Möglichkeiten besinnt. Eine gesunde Lebenseinstellung, was das auch im Einzelnen immer ist, und eine an Defizite angepasste Belastung sind letztlich immer die Vorraussetzung für relative Gesundheit. Am Ende geht es um Ressourcen und Mängel, die nicht bewertet werden. Dabei geht es um die Akzeptanz sowohl der Mängel als auch der Ressourcen. Die Lebensqualität klebe ich nicht an meinen Mangel, sondern lebe mit meinen Ressourcen und dem Mangel. So eine Lebenseinstellung hat einfach das Potential für eine höhere Lebensqualität, weil man sich einfach nicht unnötig verrückt macht.

Aus den Störungen kann man manchmal einen Stil entwickeln. Wir können unsere Möglichkeiten wahrnehmen anstatt auf eine Gesundung zu warten und erst danach das Leben fortzusetzen. In der Psychoszenen-Subkultur kann man sich gut bewegen, weil man dort nicht bei kleineren Symptomen gleich ausgegrenzt wird. Im Miteinander sich verbinden und nicht vereinsamen, nicht in Langweile versanden.

Zeit für Gespräche haben, zusammengebrochene Weltbilder reparieren. Das fällt den Professionellen meistens schwer, weil die Wirklichkeit der Kranken das Weltbild der Professionellen meistens verlässt. Mit Medikamenten kann man keine Weltbilder reparieren. Gespräche unter Psychiatrieerfahrenen sind dagegen auf diesem Gebiet oft hilfreich. So kann man Lebenslügen aufgeben und einen Weg finden, in der Wahrheit zu leben.

Auf das Alltagsleben konzentrieren. Gut und preiswert kochen, Kräuter sammeln, Tabak anbauen, um die Armut zu entschärfen, in die man durch psychische Krisen meistens gerät und sich auf diese Art schon mal einen Grundstock an sinnvoller Beschäftigung schaffen.

Nicht mit sinnloser Suche nach einem Arbeitsplatz die Fähigkeit gefährden, das Alltagsleben zu meistern. Als erstes steht, selbständig und selbstbestimmt leben zu können, weil das vollkommen ausreicht, teure Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Einen Arbeitsplatz zu haben ist da unwichtig, sofern man sich zu beschäftigen weiß.

An alternativen Beschäftigungen arbeiten, anstatt sich für einen Arbeitsmarkt fit zu machen, der nicht existiert. Auch der zweite Arbeitsmarkt für Behinderte ist für viele vom Arbeitspensum her zu viel, aber von der Art der Arbeit nicht anspruchsvoll genug, um eine gesunde Beschäftigung zu bieten. Man kann auch künstlerisch, kreativ oder sozial engagiert sich "Neue Arbeit" suchen im Sinne von Fritjof Bergmann. Siehe auch weiter unten: "Arbeit, die man wirklich, wirklich machen will". Sich einfach Arbeit nehmen, anstatt darauf zu warten, dass man etwas Passendes bekommt.

Gut, darüber gesprochen zu haben?

Vielfach ist in der Soteria-Literatur die Rede von der Aufarbeitung und Verarbeitung von Psychosen und vom Sinn von psychotischen Krisen. Bei uns gehen die Meinungen darüber, was das im Einzelnen ist, weit auseinander. Klar ist, dass psychotische Krisen vom Inhalt her nur teilweise so interessant sind, dass es sich lohnt, sich damit eingehender zu beschäftigen. Oft sind die Krisen auch eher uninteressant. Man kann aber an den Krisen wachsen, um sich ein neues besseres Ich zusammenzubauen und seinen Horizont z. T. erheblich erweitern. Wir kennen aber auch einige Leute, die mit ihrer Psychose sehr wenig anfangen können. Leute, die nur irritiert und froh sind, sich damit nicht beschäftigen zu müssen.

Auf jedem Fall kann man seine Psychose erst verarbeiten, wenn man soweit aus einer Akutphase raus ist, dass man wieder urteilsfähig ist. Wir wissen nicht generell wie da zu verfahren ist, wir müssen im Einzelfall gucken, was mit den konkreten Leuten geht. Auf jedem Fall werden wir mit unserem angestrebten Projekt auf dem Gebiet neue Erfahrungen machen können.

Was könnten wir konkret als Kluwprojekt einstielen?

Das ursprüngliche Soteria-Konzept bezieht sich auf die Behandlung von schizophrenen Ersterkrankungen und auf nicht gewalttätige Patienten. Wir wären da weniger wählerisch, wir holen die Leute da ab wo sie sind und gucken, was wir machen können. Wichtig für uns ist, dass die Leute kulturinteressiert sind, kreativ, neugierig aufs Leben und bereit sind, eigene Wege zu gehen. Am besten noch selber künstlerisch produktiv. Das erklärt sich aus unserer eigenen kulturellen und künstlerischen Aktivität, für die wir auch noch Mitstreiter suchen.

Eine oder zwei Wohnungen in der Nachbarschaft zum KLuW (44145 Dortmund, Münsterstr. 114) anmieten und diese mit interessierten Studenten der Medizin, Psychologie oder Sozialpädagogik, mit stabilen Psychiatrieerfahrenen oder Ärzten im Praktikum oder Altersteilzeit besetzen. Dort dann Patienten aus der Klinik als Wohngemeinschaftsmitglied aufnehmen, die zwar bei uns schon integrierbar wären, aber in ihrem Zustand nicht sofort wieder "nach Hause" können.

Unsere Arbeit fängt da an, wo Menschen um Hilfe bitten und selbst ihre Situation verändern möchten und trotz Einschränkung nach Motivation für ein lebenswertes Leben suchen. Die nach Leuten suchen, mit denen sie was zusammen machen können. Viele psychisch Kranke suchen die Gemeinschaft mit Kollegen, bringen aber nicht die volle Anforderung an Leistungsfähigkeit mit, die ein Arbeitsplatz mit sich bringt. Wir suchen die Klienten, die in Tagesstätte oder Behindertenwerkstatt nicht ihr Ding finden, aber doch was machen wollen. Spaß und Freude sind bei uns mehr ein Element als Leistung, dennoch geht es nicht nur nach dem Lustprinzip, um Dinge zu verwirklichen bedarf es einer Anstrengung.

Integration in "das System KLuW"?

In der gemischten Wohngemeinschaft dann mit diesen Leuten ein möglichst entspanntes Alltagsleben führen und wo es geht positiv auf die Leute einwirken. Die Möglichkeit des Rückzuges für die Klienten wäre genau so wichtig wie die Leute in interessante Aktivitäten einzubinden. Wenn nichts anders geht, versorgen wir auch gerne die Leute, auf die Dauer kommen wir ins Gespräch, da gehen wir von aus.

Gemeinsam den Alltag bewusst und intelligent zu gestalten, zusammen mit kreativen gemeinsamen Aktivitäten wie z. B. der Produktion unserer Vereinszeitung, schafft eine Atmosphäre, konkret im Leben zu stehen ohne sich überflüssigen Stress zu machen.

Wir setzen unseren Kopf ein, um das hinzubekommen, was wir wirklich möchten und was funktionieren kann und nutzten in dem Zuge unsere Möglichkeiten. Daraus ist hier unsere eigene Selbstversorgung mit Kräutersammeln, Tabakanbau und auch kultureller Eigenproduktion geworden. Das wollen wir noch weiter ausbauen und freuen uns über jeden, der da mitmacht und das Projekt auch mit weitertreibt.

Leute aus dem Verein oder andere Externe könnten dann eine gewisse Betreuung in den Wohnungen übernehmen. Also beim Alltagsleben helfen, Gespräche führen oder an Problemen und Konflikten der Klienten arbeiten. Die Klienten können wir darüber hinaus in die Aktivitäten des KLuW e. V. einbinden. Nach Möglichkeit sollte dann ein mittelfristiges Konzept für den Klienten ausgearbeitet werden, dass der wieder auf die Füße kommt. Nach 1 Monat bis 1 Jahr können die Klienten dann woanders weiter versuchen, ein brauchbares Leben zu führen.

Die Leute würden ganz normal beim Betreuten Wohnen sein, aber wir würden dann das leisten, was das Betreute Wohnen nicht leisten kann. Mit der Klinik und den behandelnden Ärzten würden wir dann gerne zusammenarbeiten. Wir als selbst Betroffene möchten mit wenigen Hierarchien arbeiten, brauchen mehr Menschlichkeit und Wertschätzung. Die Diagnosen helfen uns wenig weiter, unseren Lebensalltag zu gestalten. Unsere Sensibilität hilft uns zu entscheiden, welche Medikamente uns gut tun und welche weniger geeignet sind.

Wir sind hier in der Lage mehr Zeit zu haben als die Ärzte und das Pflegepersonal. Wir haben die Zeit, das zu machen was gebraucht wird. Wenn einer z. B. mit seinem Geld nicht auskommt, braucht er konkrete Maßnahmen, Ausgaben einzusparen oder die Einnahmen zu verbessern. Durch eigene Erfahrungen sind wir in der Lage, viele entscheidende Hilfestellungen zu geben, z. B. eigene Keilrahmen herstellen und mit irgendwo abgestaubten Stoffen beziehen. Wir erkennen die Not und wir kennen auch Lösungen.

Praktischerweise würden wir mit psychisch kranken Künstlern oder zumindest Kulturinteressierten anfangen, weil wir da die meiste Erfahrung aus unserem eigenen Leben mitbringen. Die könnten wir dann gut in die Vereinsaktivitäten einbinden und vielleicht auch in die Künstlergruppe Künstler-WG aufnehmen. Das auch weit über die Zeit bei uns hinaus. Das könnte ein spannendes Projekt werden.

Ende gut, alles gut?

Unsere Arbeit endet da, wo die Leute unsere Hilfestellung nicht mehr brauchen und woanders ihren Weg gefunden haben. Es wäre schon wünschenswert, dass die Leute ihren eigenen Weg finden. Es kann aber auch sein, dass der eine oder andere hier bei uns richtig mitmacht und weiter an unseren Projekten mitarbeitet oder eigene Projekte ins Leben ruft. Unsere eigene Kunst und unsere Gemeinsamkeit hier ist uns selbst ja auch Aufgabe und Lebensweise. Das Wichtigste ist aber, dass sich die Leute in ihrem Alltag gut bewegen können. Diese Grundlage taugt eigentlich für jede Art von Karriere, die für psychisch Kranke infrage kommt.

Es kann auch passieren, dass wir mit einzelnen Klienten auf Dauer nicht klarkommen, die können dann probieren, woanders in der Reha-Szene ihren Weg zu finden. Wir können auch nicht alles. Klienten können auch von hier aus ganz normal in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfB) unterkommen.

Wer soll das bezahlen?

Als Geldgeber kämen all die in Frage, die dadurch eigene Kosten sparen können. Also Krankenkassen wegen weniger Klinikaufenthalte und geringerer Ausgaben für Medikamente, sowie die Kostenträger von Kontaktstellen, Tagesstätten, Behindertenwerkstätten oder vom Berufliches Trainingszentrum Dortmund GmbH (BTZ). Organisiert vielleicht auch über das persönliche btzBudget für behinderte Menschen.

Die Finanzierung fördern würde, dass wir hier einen Selbsthilfeanteil im Projekt haben, der die Kosten erheblich reduzieren kann und dass wir das Potential haben, den Leuten auch von Fall zu Fall wirklich zu helfen. Mittelfristig könnte die Finanzkrise uns entgegenkommen, wenn dann die Kostenträger wirklich sparen müssen. Bisher sieht es so aus, als würden die Gelder zwar eigentlich reichlich fließen, aber man kommt da schwer rein, weil das mit den vorhandenen Einrichtungen alles ausgekungelt ist.

 

"Arbeit, die man wirklich, wirklich machen will"

Anfang 2009 haben wir uns mit Fritjof Bergmann beschäftigt. Sein Buch "Neue Arbeit, Neue Kultur" beschreibt den Versuch, die soziale Realität philosophisch konsequent zu verarbeiten. Kernaussage ist, dass man angesichts der weiter fortschreitenden Automatisierung in der Arbeitswelt die Möglichkeit und gleichzeitig die Notwendigkeit hat, sich andere, nicht erwerbsorienterte Arbeit zu suchen. In dem Zusammenhang spricht Fritjof Bergmann von der "Arbeit, die man wirklich, wirklich machen will".

Die Situation für uns psychisch Kranke verschärft das ohnehin schwierige Problem, in der heutigen Zeit einen vernünftigen Arbeitsplatz zu finden. In dem Sinne betrifft es uns ganz akut, dass wir uns selbst eben Arbeit nehmen müssen. Das haben wir auch schon gemacht, bevor wir Fritjof Bergmann gelesen haben. Dennoch war dieses Buch für uns sehr interessant, zeigte sich uns doch, dass unser Problem nicht nur für die Psycho-Szene, sondern mit steigender Tendenz ein Problem für die gesamte Gesellschaft ist.

Das System Wirtschaft ignoriert die Bedürfnisse der Menschen weitgehend, die Arbeitslosen müssen alles versuchen einen Arbeitsplatz zu finden. Welche Arbeit sie für ihr Bedürfnis z. B. nach Kontakt zur Welt brauchen, kommt nirgendwo vor. Die Erwerbsarbeit wird zum Absoluten erklärt. Es ist der größte Betrug, dass die Erwerbsarbeit einfach fehlt, mit steigender Tendenz, und der Arbeitslose allein ein Problem lösen soll, an dem er gar nichts machen kann. Unsere Betreuer verwenden die Hälfte ihrer Zeit darauf, die Maßnahmen ihrer staatsdienenden Kollegen von der ARGE soweit wieder hinzubiegen, dass der Betreute überhaupt leben kann. Zum Teil sind sogar unsere professionellen Betreuer damit überfordert, wie sollen das die normalen Arbeitslosen erstmal hinkriegen?

Wie dem auch sei, wir wollen leben und beschäftigen uns selbst. Mit Erfolg, wenn man sich einmal diese Aufgabe stellt, und jahrelang daran arbeitet, findet man "Arbeit, die man wirklich, wirklich machen will". Wir hoffen, dass wir manch einem Menschen dabei helfen können, sich eine angemessene Beschäftigung zu erarbeiten, auch außerhalb der Sinnzusammenhänge der Erwerbsarbeit.

Den nächsten Schritt tun

Unsere Soteria-Arbeitspruppe hat erst einmal den Sinn, hier die Möglichkeiten auszuloten. Ob wir in Zukunft tatsächlich dauerhaft aktiv in der Versorgung von psychisch Kranken werden und ob wir die notwendigen finanziellen Mittel dafür auftreiben können, wissen wir noch nicht. Bevor wir unser Soteria-Haus haben, schlagen wir die Brücke von der Klinik zu unserer Künstler-WG und dem KLuW e. V. und geben unsere Erfahrung an die Menschen weiter.

Erst einmal suchen wir noch Leute, die mitmachen wollen oder auch nur mitdiskutieren wollen. Leute, die sich ernsthaft dafür interessieren, psychisch Kranken besser zu helfen.

Als nächsten Schritt planen wir, Klinikpatienten auf Wochenendurlaub probeweise unentgeltlich aufzunehmen, die nicht so recht wissen, wo sie das Wochenende verbringen sollen. Am besten Künstler oder kulturinteressierte Leute.

(Heidemarie Waldstädt, Nicola Waldstädt, Tobias Jeckenburger)

 


Literatur zum Thema

Luc Ciompi, Holger Hoffmann, Michel Broccard (Herausgeber)
Wie wirkt Soteria?
Eine atypische Psychosenbehandlung kritisch durchleuchtet.
Online-Ausgabe 2011
ISBN 978-3-89670-802-1
2011 Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg

Aebi, Elisabeth; Ciompi, Luc Ciompi; Hansen, Hartwig (Herausgeber)

Soteria im Gespräch
Psychiatrie-Verlag (1996)
ISBN-10: 3884141422
ISBN-13: 978-3884141427

Hans-Peter Dauwalder, Luc Ciompi (Autoren)
Zeit und Psychiatrie
Sozialpsychiatrische Aspekte

ISBN-10: 3456818998
ISBN-13: 978-3456818993
Verlag: Huber, Bern (1990)

Unser Buchtipp


Neue Arbeit, neue Kultur
Von Frithjof Bergmann (Autor), Stephan Schuhmacher (Übersetzer)
Arbor-Verlag (5. Januar 2004)
ISBN-10: 9783924195960
ISBN-13: 978-3924195960

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