KLuW e. V. - Münsterstr. 114 - 44145 Dortmund

letzte Aktualisierung: 9. Juli 2017
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Die Geschichte von Oma H.
In der Münsterstraße lebe ich. Türkische, libanesische, portugiesische und Sinti und Roma sind meine Nachbarn. Neben mir der Gemüseladen, ein Handyladen, eine bürgerliche Kneipe und wir als gemeinnütziger Verein, genau dazwischen unsere kreative Lernwerkstatt, dann die Vereinsräume der Moschee, Praxis für Krankengymnastik, ein Friseurladen, früher war da noch die Dresdener Bank.

Eine Vielfalt von unterschiedlichen Menschen, wir begrüßen uns immer sehr freundlich, aber wir wissen sehr wenig voneinander. Ein buntes Treiben auf dem Bürgersteig, jeden Tag die Polizei, meine Mitbewohner stellen ihre Stühle raus und die Männer sind im Dialog. Es wird Tee getrunken, gegessen und geschwätzt. Sie kommen zu mir nicht rein, aber meine Arbeit wird geschätzt.

Oma Habicht wohnt in der kleinen Burgholzstr. gleich an der Ampel zwei Straßen weiter, gerade aus.
Sie ist 92 Jahre alt.

Unsere erste Begegnung war, sie hatte eine schwere Einkaufstasche voll mit Lebensmitteln, und ich wollte ihr tragen helfen, doch sie meinte, dass sie froh sei und es noch selbst kann, aber sie würde sich gerne bei mir ausruhen, denn sie braucht immer eine kleine Pause, um wieder weiter zu machen. Sie trank ein Glas Wasser und dann ging sie ihren Weg. Sie sagte, dass ihr schwarzer Stock sie stützte und ihre listigen braunen Augen funkelten dabei. Frau Habicht ist ein kleines lebendiges Persönchen, drahtig und trotz ihres hohen Alters ist sie sehr lebensbejahend und voller Leidenschaft und Lebensenergie.

Jeden Tag kam sie von der Krankengymnastik, ihrem Töpferkurs im Hanssmannhaus und von ihren Ärzten bei mir im KluW vorbei, um eine kleine Pause zu machen. Sie ruhte sich aus. Wir tauschten Rezepte aus und kochten füreinander. Ihre Spezialität war ihr Nusskuchen. Jede Woche bekam Dr. Habicht, ihr Namensvetter, der sich um Obdachlose kümmerte, einen ihrer leckeren Nusskuchen. Sie ging in das Altenheim guter Hirte und besuchte die hochbetagten Menschen, die sie auch mit ihren Spezialitäten versorgte. Das Altenheim war ihr sehr vertraut.

Nach ihrem letzten Oberschenkelhalsbruch kam sie nicht mehr in ihre Wohnung zurück, sie kam ins Krankenhaus und von dort direkt in das Altenheim. Von nun an war der gute Hirte ihr neues zu Hause. Sie bekam eine Betreuung, die beschloss, dass Frau Habicht nicht mehr alleine zu Hause wohnen könne. So lange sie bettlägerig war, war es für sie auch in Ordnung, aber nicht als sie ihre Lebensenergie wieder hatte. Sie erzählten ihr, dass ihre Wohnung aufgelöst worden ist, und sie nicht mehr in ihre alte Wohnung zurück kann. Doch Frau Habicht hatte noch ihren Wohnungsschlüssel, das war das einzige, was sie noch persönlich besaß. Sie ging zurück in ihre alte Wohnung. Da die Behörden nicht so schnell waren, war die Wohnung noch so, wie sie sie verlassen hatte. Es war alles verstaubt, Lebensmittel im Kühlschrank. Sie putzte die Fenster und machte es sich gemütlich. Sie kochte wieder für sich und ging einkaufen. Ihre Nachbarn waren froh, dass sie wieder da war und gemeinsam halfen ihr die Nachbarn, dass sie wieder zu Hause bleiben konnte.

Frau Habicht ist ganz stolz, dass sie nur noch Besucherin im guten Hirten ist. Sie meinte, so lange ich noch geistig rege bin, mich noch bewegen kann, möchte ich über mein Leben selbst bestimmen.

Sie verstarb drei Jahre später. Ich vermisse unsere gemeinsamen Pausen und unsere Gespräche.


(H. Waldstädt)

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