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letzte Aktualisierung: 1. Februar 2023
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Sabinchen


Meine Oma mütterlicherseits, Jahrgang 1911, hatte Geschwister in zweistelliger Anzahl. Die Familie
war arm. Sie lebte im damaligen Kreis Gumbinnen in Ostpreußen vom schmalen Gehalt meines
Urgroßvaters als Schrankenwärter. Auf einem kleinen Stück Land neben dem
Schrankenwärterhäuschen, in dem sie lebten, bauten sie etwas Gemüse an.

Mein Urgroßvater schnitzte für die Familienmitglieder Schuhe aus Holz, die im Winter mit dicken,
selbstgestrickten Wollsocken getragen wurden. Nach dem Schulweg durch hohen Schnee waren die
Strümpfe nass und die Füße eiskalt.

Nach Beendigung ihrer Schulzeit wurde meine Großmutter als Dienstmädchen in einen privaten
Haushalt vermittelt. Dort musste sie sich in einer winzigen Kammer das Bett mit Wanzen teilen.
Zum Glück holte ihr Vater sie schnell wieder dort heraus.

In der folgenden Anstellung bei einer Familie in Berlin traf sie es besser. Hier arbeitete sie unter
Anleitung einer erfahrenen Haushälterin, die ihr unter anderem beibrachte, wie man ein Huhn oder
einen Fisch ausnimmt, denn die gab es zu der Zeit noch nicht küchenfertig im Supermarkt zu kaufen.
Wichtig ist, beim Entfernen der Innereien die Gallenblase nicht zu beschädigen, da austretende
Gallenflüssigkeit das Fleisch ungenießbar macht. Zum Glück musste ich dieses, von meiner Oma
übermittelte Wissen, nie anwenden. Und meine Oma lernte, Königsberger Klopse zu kochen, die
auch heute in meiner Familie gerne gegessen werden.

Wenn meine Großmutter bei der Hausarbeit sang, waren dies Küchenlieder wie "Mariechen saß
weinend im Garten" oder das in verschiedenen Fassungen existierende Lied vom Sabinchen, das ich
als Kind besonders schaurig fand.


Sabinchen war ein Frauenzimmer,
Gar hold und tugendhaft.
Sie diente treu und redlich immer
Bei ihrer Dienstherrschaft.

Da kam aus Treuenbrietzen
Ein junger Mann daher.
Der wollte gern Sabinchen besitzen
Und war ein Schuhmacher.

Sein Geld hat er versoffen
In Schnaps und auch in Bier,
Da kam er zu Sabinchen geloffen
Und wollte welches von ihr.

Sie konnt ihm keines geben,
Da stahl er auf der Stell
Von ihrer guten Dienstherrschaft
Sechs silberne Blechlöffel.

Jedoch nach achtzehn Wochen
Da kam der Diebstahl raus.
Da jagte man mit Schimpf und Schande
Sabinchen aus dem Haus.

Sie rief: Verfluchter Schuster,
Du rabenschwarzer Hund!
Da nahm er sein Rasiermesser
Und schnitt ihr ab den Schlund.

Ihr Blut zum Himmel spritzte,
Sabinchen fiel gleich um.
Der böse Schuster aus Treuenbrietzen,
Der stand um ihr herum.

In einem dunklen Loche
Bei Wasser und bei Brot,
Da hat er endlich eingestanden
Die grausige Moritot.

Und die Moral von der Geschichte:
Trau keinem Schuster nicht!
Der Krug, der geht so lange zu Wasser,
Bis dass der Henkel bricht!

Der Henkel ist zerbrochen,
Er ist für immer ab,
Und unser Schuster muss nun sitzen
Bis an das kühle Grab!


Es soll eine Version der Ballade ohne Berufsnennung geben, um das Schusterhandwerk
nicht zu verunglimpfen. Wenn dem tatsächlich so ist, handelt es sich vermutlich um eine
relativ neue Liedvariante.

Ob sich Bürger aus Treuenbrietzen, einer Kleinstadt im Südwesten Brandenburgs,
jemals darüber beschwert haben, dass ihre Stadt in Verbindung mit einer solchen
Schandtat erwähnt wird, ist mir unbekannt. Auf jeden Fall gibt es heute dort einen
Sabinchenverein, der Sabinchenfestspiele in Treuenbrietzen ausrichtet.


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