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letzte Aktualisierung: 31. Januar 2018
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Willensfreiheit und Verantwortlichkeit
Das Menschenrecht auf Freiheit begründet sich historisch in der Auffassung, dass Männer - und später auch Frauen und Afrikaner - genug Vernunft besitzen, dass sie selber entscheiden können, wo sie arbeiten, was sie glauben, welche Partnerschaft sie eingehen wollen und welche politische Partei sie wählen. Es gibt viele Diskussionen, inwieweit der Mensch einen freien Willen hat, wo der herkommt und wo die Grenzen der Willensfreiheit liegen.

Hirnforscher plädieren gerne grundsätzlich gegen die Willensfreiheit, obwohl sie dazu gar nichts beitragen können. Hirnforscher arbeiten gerne mit Hirnscannern, die die Aktivität der verschiedenen Hirnregionen registrieren. Dies erlaubt aber nur eine andere Sicht auf das Treiben des menschlichen Geistes. Natürlich passiert etwas im Gehirn, wenn es in Betrieb ist, und die einzelnen Hirnregionen wechseln sich im Laufe der Zeit in ihrer Aktivität ab. Ziemlich nichtssagend ist das Ergebnis dieser Hirnscanneruntersuchungen aber meistens, und was wir denken und erleben, sieht von innen gesehen wesentlich deutlicher aus. Als bewusstes Wesen können wir uns selbst von Innen gut beobachten. Der Blick von außen tut da kaum was zur Sache. Die Frage, was Willensfreiheit ist, wird hier nicht mal angeschnitten.

Auch experimentelle psychologische Untersuchungen ohne Hirnscanner sind wenig relevant: meistens werden da die Probanden in dem Versuchsaufbau gezielt getäuscht, um dann die folgende spontane provisorische Reaktion zu registrieren. Die Probanden haben meistens keine Zeit, sich eine Strategie zu überlegen. Im realen Leben ist das ziemlich belanglos, nur wo spontane Entscheidungen stattfinden, kann man die so gewonnenen psychologischen Erkenntnisse sinnvoll nutzen. Wenn es drauf ankommt, beschäftigt sich der Mensch richtig mit seiner Situation, guckt, dass er weiß, was gespielt wird, sucht sich Hilfe im sozialen Umfeld und bei Experten, betrachtet die sich bietenden Möglichkeiten und guckt dann erst wie er vernünftig reagiert. Manchmal braucht es auch Mathematik, z.B. wenn man überlegt, ob man sich eine Eigentumswohnung leisten kann. Aber da kann man auch Helfer finden, z.B. Kreditberater seiner Bank, sofern man dem Experten vertrauen kann. Hauptsache, man kennt am Ende der Suche die wichtigsten Möglichkeiten, die sich bieten, dann kann man sich an die Entscheidungsarbeit machen.

Im gesunden Prozess vernünftiger Entscheidungen ist die Suche nach den Möglichkeiten dann auch die wichtigste Aufgabe. Dass braucht viele Informationen und viel Zeit. Die Möglichkeiten, auf die man kommt, entscheiden meistens darüber, welche Entscheidung man am Ende trifft. Dieses frei tun zu dürfen, ohne dass man von jemand anderen in betrügerischer Weise bevormundet wird, macht die juristische Willensfreiheit aus.

Spontane Kleinentscheidungen sind natürlich leicht manipulierbar. Vorsichtig, wie der Mensch ist, kann man ihn meist nur bei Kleinigkeiten überrumpeln. Wenn es drauf ankommt und der Mensch Zeit hat, überlegt er erst einmal gründlich, und guckt genau was er macht. Weil die Entwicklung der Kenntnisse über die existierenden Möglichkeiten so umfangreich ist, braucht es auch 20 Jahre, bis ein Mensch richtig erwachsen ist. Das ist letztlich dasselbe wie die Ausreifung des Gehirns, beschreibt die Mündigkeit eines Menschen aber genauer.

Viele Möglichkeiten beinhalten auch Risiken, und oft ist man dann auch für Schäden verantwortlich, wenn die Sache schief geht. Das kann man nicht trennen, und zur juristischen Willensfreiheit gehört dann auch, dass man einerseits Risiken eingehen darf, und andererseits dann auch für die Schäden gerade stehen muss, wenn welche auftreten. Oft ist das so normal, dass Schäden entstehen können, dass man sich dagegen versichern muss, z.B. die Haftpflichtversicherung für Autos. Auch eine GmbH ist im Insolvenzfall komfortabel, man haftet dann bei einer Pleite nur mit der Einlage und nicht mit seinem Privatvermögen. Hier gibt es ungewohnte Freiheiten, die es erlauben, wirtschaftliche Risiken einzugehen, die dann reichlich Geschädigte hinterlassen können, ohne dass man dafür aufkommen muss.

Ist der Mensch psychisch krank, kann er sich tatsächlich zu allerlei Unsinn entscheiden. Die Willensfreiheit ist dann mehr oder weniger eingeschränkt. Aber absolut muss dass nicht gelten, auch ein schwer psychotischer Mensch kann noch gut entscheiden, welches Essen er bestellen und essen möchte. Und auch psychisch Gesunde wissen nicht immer, was sie tun, und kaufen z.B. Autos, die sie kaum brauchen, oder suchen sich Lebenspartner, die gar nicht zu ihnen passen. Wie sieht der Übergang von der Willensfreiheit zur Unzurechnungsfähigkeit aus?

Bei einfachen Angststörungen, wenn z.B. jemand Angst vorm Straßenbahnfahren hat, wird er versuchen, mit dem Auto oder dem Fahrrad zu fahren, einen Mitfahrer zu finden oder er wird versuchen, Fahrten ausfallen zu lassen. Das ist angesichts der Logik nachvollziehbar, kann die Lebensführung aber schon behindern. Die Angst schafft hier Fakten, die bei den Entscheidungen mitberücksichtigt werden.

Manch einer fühlt sich schnell angegriffen, und meint gleich, er würde hier wie meistens überall gemobbt. Andere geben schnell auf, sobald auch nur kleine Schwierigkeiten auftauchen. Wieder andere müssen alles in Perfektion machen, und setzten sich und Andere sinnlos unter Druck. Derart neben der Spur zu sein ist auch jenseits von psychischer Krankheit noch verbreitet. Im Lebenskampf bleibt ganz viel liegen, und wird sehr provisorisch kategorisiert und in Schubladen weggepackt. Auch in psychischen Krisen packt man vieles in Schubladen, die so nicht unbedingt Sinn machen. Die Willensfreiheit ist hier schon eingeschränkt, die Entscheidungen werden hastig und unausgereift, es werden viel zu wenige Möglichkeiten gesammelt und verglichen.

Wenn die psychische Krise akut wird, und man dann nicht mehr arbeiten kann, selbst das Einkaufen kaum noch geht und die Ordnung in der Wohnung schon lange nicht mehr funktioniert, wird man dann auch als psychisch Krank eingestuft. Wenn man Wahnideen hat, verleiten diese schnell dazu, allerlei Unfug zu machen, und niemand versteht mehr, was man da tut. Das Umfeld bekommt zwar schnell mit, dass man offenbar krank ist, aber welche speziellen Wahnideen dahinter stecken, weiß meistens keiner. Auch kann die Stimmung extrem gut oder schlecht sein, und auch öfter wechseln, ohne dass das jemand nachvollziehen kann.

Wer Symptome zeigt, wird zusätzlich schnell überall ausgegrenzt und gemobbt. So ganz unter Druck geraten ist man dann, man kommt gar nicht mehr hinterher, seine Situation zu kontrollieren. Der Überblick geht verloren, der private Papierkrieg wächst einem über den Kopf und chronische Überlastung stellt sich ein. Die Willensfreiheit geht zusehends im Stress unter, die Dinge, auf die es für einen selbst wirklich ankommt, bleiben liegen. Die Möglichkeiten für gute Lösungen bleiben außerhalb der Reichweite, und es setzt Stillstand ein.

Der Stresslevel ist jetzt unerträglich, die einen liegen im Bett und können gar nichts mehr machen, andere reagieren entgegengesetzt in dem sie ganz euphorisch nur noch Blödsinn machen. Sachschäden und Beziehungsschäden stellen sich ein, und der Schaden an der eigenen Psyche wächst mit. Mit überfülltem Nervensystem, dass keine Ruhe und keine Zeit mehr hat, die Dinge gut zu beurteilen, und eben nicht mehr vernünftig reagieren kann, steht man dann da und braucht Hilfe.

Medikamente und Tagesstruktur werden in den psychiatrischen Kliniken angeboten, und man ist auch erst mal die Anforderungen der Haushaltsführung und seine akuten Probleme auf dem Arbeitssektor los. Manch einer braucht auch einen guten Sozialarbeiter und später einen Betreuer, der den vielen Unsinn, den er angestellt hat, wieder gerade biegt. Klärende Gespräche über die Krankheit und über die persönlichen aktuellen Probleme in der Lebensführung wären von Anfang an hilfreich, leider geht man damit in der Klinik sehr sparsam um.

Kindheit und Lebensgeschichte und die Krankengeschichte werden dagegen gerne hochgehalten, aber die kann man nicht mehr ändern. Die aktuelle Situation und die soziale Lage sind maßgeblicher, und vor allem kann man da meistens was dran machen. Neben den Medikamenten muss Hilfe denn auch genau hier ansetzen, dass der psychisch Kranke seine Lebensverhältnisse so ordnet, dass er wieder Luft zum Leben hat. Sobald dann wieder Ruhe einkehrt, kommt dann auch die Willensfreiheit relativ schnell zurück.

Die Einschränkung der Willensfreiheit in der psychischen Krise bedeutete hier einfach, dass der Mensch noch nicht die Ruhe und die Zeit hatte, einen fundierten Willen zu finden. Vom Lebenskampf überrollt sozusagen, mit dem Managen der angesammelten Provisorien überfordert. Und wo keine Willensfreiheit mehr ist, wird es auch mit der Verantwortung schwierig.

Ähnlich wie eine psychische Krise stelle ich mir auch den Kampf der Soldaten mitten im Krieg vor. Inmitten von unübersichtlichen Gefechtssituationen muss man mangels Kontrolle das eigene Leben aufs Spiel setzen, und muss z.B. oft Gefangene erschießen, weil man gerade keine Zeit hat, sie zu verwahren und zu versorgen, weil der Kampf sofort weitergehen muss. Solch eine Überforderungssituation kann ganze Gesellschaften erfassen, wenn eine kriminelle Regierung die bürgerlichen Freiheiten aufhebt und quasi Kriegsrecht herrscht. Die einen werden manisch, und jubeln den Schlächtern zu, die andern werden depressiv, und halten lieber ganz den Mund. Wer noch einen kühlen Kopf behält, der lebt gefährlich, oder schließt sich sicherheitshalber dem Verbrecherregime an.

In derartige Verhältnisse möchte man nicht gerne herein geraten. Im zivilen Leben möchte jeder seine eigenen Deals machen. Abhängig zu sein heißt, im Konfliktfall in seinen Interessen ignoriert zu werden. Der Soldat muss gehorchen, ob er selber sein Leben riskieren will, interessiert nicht. Willensfreiheit ist hier illegal, und Verantwortung wird in der Befehlskette solange nach oben gereicht, bis sich die Sache verläuft.

Unterdrückung ist immer auch ein Angriff auf die Willensfreiheit und hat viele Gesichter. Psychisch Kranken passiert es oft, dass ihr Wille absichtlich verworfen wird, obwohl ihr Wille durchaus normal und frei ist, weil jemand auf diese Weise einen Interessenkonflikt für sich entscheiden kann. Wo Macht gewonnen und Geld verdient wird, passiert das regelmäßig. Z.B. gilt Rauchen als Suchterkrankung, also wird der Wille zum Rauchen einfach für unfrei erklärt, um dann die horrenden Tabaksteuern rechtfertigen zu können. Da geht es mitnichten um die Gesundheit der Raucher, sondern nur um die beträchtlichen Einnahmen, die der Staat mithilfe der Sucht erzielen kann. Früher hieß es mal, das wäre ein Ausgleich für die Kosten, die durch Tabakkonsum bedingte Krankheiten die Gesellschaft kosten. Schon seit 25 Jahren weiß man, dass Raucher deutlich weniger Krankenkosten verursachen, was an dem häufigerem schnellen und kostengünstigen Abgang durch Herzinfarkt oder Schlaganfall liegt. Das interessiert den Staat aber nicht, die Tabaksteuern werden weiter schön gleichmäßig erhöht, und nur nicht zu viel auf einmal, damit möglichst wenige Raucher das Rauchen aufgeben.

Insbesondere Interessendifferenzen sind in sozialen Beziehungen mit einem Machtungleichgewicht zu respektieren. Einfach die Interessen Unterlegener zu pathologisieren und damit beiseite zu wischen ist unfair und manchmal richtig kriminell. Freiheit bedeutet dem Experten sagen zu dürfen: "Ich mach hier was ich will - vielleicht hast du mehr Ahnung von der Sache, aber ich traue Dir nicht". Das ist die Substanz der Freiheit im Konkreten. Der Wert der Freiheit ist hier, dass man seine eigenen Angelegenheiten auch sicher im eigenen Interesse regeln darf, auch wenn man kein versierter Experte ist. Der Preis der Freiheit ist, dass manchmal doch nicht das optimale Ergebnis dabei herauskommt.


(Tobias Jeckenburger)

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