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letzte Aktualisierung: 1. Oktober 2018
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Harmonie - Ausgeglichenheit - Balance - Hoffnung

Die unsichtbaren Wegbegleiter haben ihre Irritationen.

Aplaudido, der Seiltänzer sitzt in der U49 und denkt an seinen Auftritt.

Er ist nicht konzentriert, jedoch aufgeregt und verunsichert. - Schweißausbrüche - Die Angst breitet sich aus. - Gedankenkarussell: Ständige Höhenflüge, das Rampenlicht und der Applaus, das sind angenehme Dinge. Jetzt die Verwandlung. Sein Mut wird ersetzt durch panische Angst. Abstürzen, zu Versagen, keine Lust mehr auf Erfolg. Spielte er mit dem Leben oder spielte das Leben mit ihm. Kann er noch die Balance halten? Es geht ja nur von A nach B. Bisher hatte er es geschafft. Er hatte bisher nie Zweifel, er war sich seiner sicher gewesen. Jetzt aber nicht mehr.

Zwei unsichtbare Gestalten sitzen an seiner Seite, an seiner Linken die Hoffnung, zur Rechten die Harmonie und ihre kleine Schwester, die Ausgeglichenheit. Die Balance sucht noch nach ihrem Platz.

Die Hoffnung, die Schwarzfahrerin, ist sich ganz sicher, am frühen Morgen ist keine Kontrolle. Doch sie hatte sich geirrt. Der Kontrolleur wollte alle Fahrausweise sehen. Sie bedauert sich selbst. Sie ist sich selbst entrückt und ist froh, dass sie unsichtbar ist. Sie ist untröstlich.

Die Harmonie ist in ihrem Frieden gestört. Die äußeren Bedingungen sind mit ihrem Inneren nicht im Einklang. Hektik: Laute Geräuschkulisse, die Bahn ist überfüllt. Die Menschen sind dicht aneinander gepresst. Jegliche Grenze, die der Mensch braucht, wird hier überschritten. Kein freundliches Lächeln. Die Menschen wirken genervt und die Spannungen breiten sich in der Bahn aus. Gezeter, Streit und Käbbeleien unter den Schülern, Handy bimmelt, die Menschen simsen, unangenehme Gerüche, kalter Rauch, Alkoholüberflutung von Bierflaschen und es riecht nach Angstschweiß. Die Harmonie ist in ihrer Harmonie gestört und ihr ist speiübel.

Die Balance ist zweigeteilt. Sie fühlt sich an diesem Ort nur deplatziert, zerrissen und fühlt sich nur noch beschissen. Ihre Lage ist aussichtslos.

Der Seiltänzer fängt schwer an zu atmen. Seine unsichtbaren Wegbegleiter haben sein inneres Gleichgewicht gestört. Er hatte noch nie Zweifel. Diese Gedanken kann er jetzt nicht gebrauchen.

Er denkt nach. Seine Strecke geht von A nach B. Konzentration und Achtsamkeit auf dem Seil, sich nicht ablenken lassen, leichte sachte Schwingungen halten ihn in Bewegung und er bleibt im Gleichgewicht, sich selbst spüren und vertrauen. Er ist sich seiner wieder sicher. Ich kann es. Ich werde es mit Bravur bewältigen. Es ist nur ein Seil, ich hebe ab von der Erde, ich befinde mich in einem Trancezustand. Das Leben bietet mehr Hindernisse, Dinge die der Mensch nicht beeinflussen kann, aber ich habe einen überschaubaren Rahmen und ich weiß um mein Können.

Er tänzelt gelassen durch die Menschenmenge und steigt aus. Wie bei jedem Auftritt applaudiert sein Publikum, wie eine Elfe läuft er über das Seil.

Heute ist sein letzter Auftritt. Er kann seinem Publikum nicht mehr geben. Sie wollen zu viel von ihm. Noch fühlt er sich, wie auf einer Himmelsleiter. Er hat keine Lust die Todesleiter zu erklimmen.

(Heidemarie Waldstädt)
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