KLuW e. V. - Münsterstr. 114 - 44145 Dortmund

letzte Aktualisierung: 1. Oktober 2018
Aktuelles / Text des Monats / Text des Monats - Chronik

 
 
 
Aktuelles
Wir über uns
Text des Monats
Förderpreis 2012
Wochenplan
Veranstaltungen
Flyer
Projekte
Kooperationen
Inforello
Mitglieder
Der Verein
Publikationen
Links
Datenschutz
Impressum
zur Chronik
Text des Monats


Glück gehabt!!

Nun ist auch dieses Jahr schon bald wieder vorbei.
KLuW wünscht seinen Mitgliedern und Freunden ein entspanntes Jahresende und für 2015 viel Glück,
wie ich persönlich es in 2014 hatte:


3.3., 6:30 Uhr, A45, auf dem Weg zur Arbeit. Ein geräuschvoller Schubs von hinten links in die Seite meines Autos. Erschrecken. Vom LKW getroffen? Das Auto bricht nach links aus. Herzklopfen. Spontanes Gegenlenken. Schlingern. Falsch reagiert. Trotzdem erneuter hektischer Versuch, in der Spur zu bleiben.

Sinnlos zu lenken, sinnlos zu denken - ich ergebe mich der Situation. Dunkelheit, Stille, die Hände ans Lenkrad gekrallt, dem Hin und Her des Wagens nachspüren. So ist es also, einen Unfall zu haben. Wo sind die anderen Autos? Müsste nicht längst jemand in mich hineingerauscht sein? Klatsch. Ist es soweit? In die schräge Seitenlage nach links, nach oben, ein kurzes Verweilen aufrecht, abwarten. Reicht der Schwung für einen Überschlag? Und dann, ohne den freudigen Nervenkitzel, den man auf der Kirmes in einem Fahrgeschäft verspürt, ab in die Rückwärtsrolle aufs Dach. Stillstand.

Arme, Beine, Kopf, alles heil und beweglich. Ein schweifender Blick durchs Wageninnere aus ungewohnter Perspektive. Splitter überall. Wie lange kann man ohne Probleme über Kopf hängen? Versuchen, den Sicherheitsgurt zu lösen und aus dem Wagen zu kommen? Um von einem anderen Auto überrollt zu werden? Besser abwarten. So viele Pendler auf der Bahn. Da muss doch bald Hilfe kommen.

Lauschen. Tut sich da rechts von mir etwas? Stimmen sind zu hören, werden lauter. Jemand kniet sich neben mein Auto. Schaut, den Kopf auf den Asphalt gelegt, ins Wageninnere. Sind sie verletzt? - Nein. - Ich komme jetzt zu Ihnen rein und halte sie. Ein zweiter Helfer mit Seitenschneider auf der Fahrerseite. Schnapp, ist der Gurt oben durchtrennt. Mein Oberkörper sackt in starke Männerhände. Noch einmal schnapp unten und ich bin frei, krabbele vorsichtig aus dem Wagen.

Meine Helfer führen mich zur Leitplanke, setzten mich dort ab. Trotz dicker Jacke ist mir kalt. Einer der beiden legt seine Hand auf meine Schulter. Ich spüre starkes Zittern. Er hat wohl einen ordentlichen Schreck gekriegt, als er sah, was er angerichtet hat, denke ich. Sind sie der LKW-Fahrer, der mich gerammt hat? Nein, ich bin der LKW-Fahrer, der hinter ihnen gefahren ist. Er zieht seine Hand zurück. Das Zittern bleibt. Es gehört zu meinem Körper. Der Seitenschneider-Mann zu meiner anderen Seite gibt sich als Unfallverursacher zu erkennen. Ich habe sie nicht bemerkt, nur den Aufprall gehört und im Rückspiegel gesehen, wie sich ihr Auto überschlägt. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Da unverletzt, bin ich lieber Opfer als Täter.



Mein Auto, nur noch ein Haufen Schrott. Ich werde mir ein Taxi rufen müssen. Die Sanitäter bestehen darauf, mich mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus zu bringen. Nur kleine Blessuren am Kopf, die Brillengläser zerkratzt. Wozu also zwei Tage in der Klinik bleiben? Zur Beobachtung, sagt der Arzt in der Notaufnahme. Na gut, sage ich.

Platz machen für eine Neueinlieferung. Im Bett werde ich vor dem Notaufnahmeraum abgestellt. Ich spreche auf den Firmen-AB, melde mich für heute und morgen krank. Auf dem schmalen Flur stehe ich im Weg und werde deshalb im Verbandsmateriallager zwischengeparkt. Per Handy erreiche ich einen Kollegen. Mein Unfall hat es schon als Verkehrsmeldung in die Nachrichten geschafft. Das Gute - in dem Stau stehe ich ausnahmsweise einmal nicht.

Eine zierliche Krankenschwester müht sich ab, mich samt Bett um die Kurven des Flurs und in den Aufzug zu bugsieren. Wir fahren "mit Bande", stoßen mit dem Bett mal rechts, mal links gegen die Wand. Alte Anschlagstellen zeugen davon, dass dies die übliche Fahrweise ist. Mein Angebot, zu Fuß in die höhere Etage zu gehen, hatte man abgelehnt. Schließlich käme ich auf die Intensivstation. Was mache das für einen Eindruck, wenn ich putzmunter dorthin liefe.

Außer meiner Handtasche sind mit mir unterwegs, in Plastiktüten verstaut auf meinem Bett gestapelt:
Zwei Zeitschriften und drei Hörbücher, die ich an die Stadtbibliothek Essen zurückgeben muss. Mehrere saubere Hand- und Geschirrtücher, die ich übers Wochenende fürs Büro gewaschen hatte. Eine Vliesdecke, die ich immer für Notfälle im Auto dabei habe. Eine zweite Vliesdecke, von der ich nicht weiß, warum sie im Auto lag. Ein Handfeger, ein Eiskratzer, ein Putzlappen. Eine Packung Vollkornbrot, eine Packung Scheibenwurst und etwas Obst als Bürovorrat für die gerade beginnende Woche sowie ein Plastiktöpfchen mit Kohlrabigemüse und Pellkartoffeln als Mittagsverpflegung für den heutigen Tag gedacht. Aufmerksame Helfer hatten meine auf der A45 verstreut herumliegenden Sachen für mich aufgesammelt und mir mit in den Krankenwagen gegeben.

Verkabelt und an Überwachungsgeräte angeschlossen warte ich darauf, dass jemand aus der Familie mir meine Zahnbürste bringt. Mit der Fernbedienung zappe ich durch die Fernsehkanäle. Helau und Alaaf auf fast allen Sendern. Stimmt, heute ist Rosenmontag. Auch das noch. Die Schwestern auf der Station sind alle sehr nett. Einige erzählen mir von Unfällen, die sie selbst einmal hatten. Sie freuen sich, mit einer Patientin während der Arbeit ein wenig plaudern zu können. Das kommt auf der Intensivstation verständlicherweise selten vor.

Die Zahnbürste und weiterer "Kulturkram" werden gebracht. Mitten in meine Unfallberichterstattung hinein plötzlich ein anhaltendes Alarmsignal an meinem Platz, wie man es aus Arztserien im Fernsehen kennt, welches, zumindest im Film, Ärzte und Schwestern ins Zimmer des Patienten stürzen lässt. Zu mir eilt niemand. Irritiert starrt mein Besuch abwechselnd auf mich und den Monitor hinter mir. Die darauf angezeigte Kurvenlinie wird immer flacher. Jetzt ist nur noch ein gerader Strich zu sehen. Jetzt steht da eine Null. Ich glaube, du bist gerade gestorben, stellt mein Besuch verwundert fest. Hallo, das wüsste ich aber. Mit mir ist alles in Ordnung, bestätigt auch die entspannt ins Zimmer gekommene Krankenschwester, lediglich das Gerät hat eine Macke, was beim Personal bekannt ist. Noch dreimal im Laufe der nächsten zwei Stunden meldet es fälschlicherweise meinen Wechsel ins Jenseits.

Es geht mir gut, ich habe keine Schmerzen, ich werde auf eine normale Station verlegt und bitte am nächsten Morgen bei der Visite um meine Entlassung. Nur ungern stimmt der Stationsarzt zu. Er besteht darauf, dass ich mir aus einer Liste einen Durchgangsarzt heraussuche, an den er den Entlassungsbericht adressieren kann und an den ich mich wenden soll, sollten doch noch Beschwerden auftreten. Außerdem erhalte ich eine Krankschreibung für die laufende Woche, obwohl ich das nicht für nötig erachte.

Ich verabschiede mich von der Patientin, mit der ich das Zimmer teilte. Eine liebenswürdige, unter Betreuung stehenden, verwirrte, ältere Dame, die sich freut, mich kennengelernt zu haben. Sie ist Anfang Siebzig, gerade einmal dreizehn Jahre älter als ich, und wird nicht mehr allein in ihrer Wohnung leben können. Wie fit werde ich in dem Alter sein? Überhaupt hat mir dieser kurze Krankenhausaufenthalt wieder einmal gezeigt, wie gut es mir geht. Ich musste in meinem bisherigen Leben weder Krieg noch Naturkatastrophen oder schwere Krankheiten erleiden. Ich lebe in einer Demokratie und hatte immer ausreichend zu Essen und Trinken sowie ein warmes Zuhause. Das Schicksal hat es bis heute gut mit mir gemeint. Und gerade deshalb bin ich froh, dass das Leben endlich ist. Die Erfahrung zeigt, jede Glückssträhne hat irgendwann ein Ende. Ich hoffe, dass mein Leben einmal Leid los endet bevor das Glück mich verlässt. Ich bin froh, dass der Moment noch nicht gekommen ist.



Ganz spurlos ist dieser Unfall dann doch nicht an mir vorüber gegangen. Noch am Entlassungstag aus dem Krankenhaus setzten Schmerzen ein, die sich schnell steigerten und mir über Wochen das Leben schwer machten. Die gegnerische Versicherung verweigerte die Zahlung mit der Behauptung, nicht der LKW-Fahrer sondern ich hätte die Fahrspur wechseln wollen. Zu dem plagte mich eine bisher nicht gekannte übergroße Schreckhaftigkeit, sobald im Straßenverkehr etwas Unvorhergesehenes passierte. Direkt neben mir fahrende oder haltende LKW verursachten bei mir Beklemmungen.

Das hat ebenso wie die Schmerzen zum Glück wieder nachgelassen. Und die gegnerische Versicherung hat nach vier Monaten und einigen Anwaltsschreiben den Schaden reguliert. Noch geblieben ist ein eher defensiver Fahrstil meinerseits. Auf der Autobahn wechsele ich seltener auf die Überholspur als ich es früher getan habe. Im Stadtverkehr achte ich auf größere Abstände zu anderen Verkehrsteilnehmern. Das löste erst kürzlich Unmut bei einem anderen Autofahrer aus, dem ich nicht schnell genug in eine unübersichtliche Kreuzung einbog. Aber damit kann ich leben.

(Sylvia Spiegel)


nach oben