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letzte Aktualisierung: 4. Mai 2022
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Ja, ich schaue tief

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und sehe die Trauer,
die dich von innen zerfrisst und drangsaliert
und immer stärker wird.

Die Trauer um deine nach 20 Jahren Partnerschaft gestorbene Lebenspartnerin.

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und sehe die Trauer,
die dich von innen zerfrisst und drangsaliert
und immer stärker wird.

Die Trauer um deine noch lebende Mutter,
die sich schon seit einigen Jahren demenziell verändert,
immer vergesslicher und vergesslicher wird.

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und sehe die Angst und Hoffnungslosigkeit,
die Corona mit sich bringt
und dich von innen zerfrisst und drangsaliert
und auch immer stärker wird.

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und ich sehe deine Ohnmächtigkeit und auch Hilflosigkeit
einem alten Freund von dir gegenüber, der deine Diagnose hat,
und seit dreieinhalb Jahren keine Psychopharmaka mehr
zu sich nimmt und sich so nachhaltig zerstört
und nicht mehr klar kommt:

Denn sein Portemonnaie ist mit allem, was drin war, verloren gegangen
und ohne Personalausweis läuft bei uns in der BRD nichts.

Und diese Ohnmächtigkeit und Hilflosigkeit dich von innen
zerfrisst und drangsaliert und immer stärker wird.

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und ich sehe die Depression, die dich von innen zerfrisst
und drangsaliert und immer stärker wird.

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und ich sehe deine selbst erlernte Hilflosigkeit,
die dadurch gekommen ist,
dass du alles auf deinen Betreuer vom Ambulant Betreuten Wohnen
legen, werfen kannst, der immer zu helfen weiß.

Und du selber all die Dinge verlernt hast,
weil er dir alles Schwierige in deinem Leben abgenommen hat
und dich diese erlernte Hilflosigkeit gegenüber deinem Leben
von innen zerfrisst und drangsaliert und immer stärker wird.

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und ich sehe deine Hilflosigkeit gegenüber dem technischen Fortschritt,
der nicht nur im Internet sondern auch in deiner Welt davonzieht:

und zwar ohne dich.
Ja, du bleibst zurück.

Ja, und ich sehe wie dich deine Hilflosigkeit von innen zerfrisst
und drangsaliert und immer stärker wird.

Ja, ich schaue tief.
Ja, ich schaue tief in deine Augen,
und ich sehe wie jeden Morgen im Bad in meine Augen
ja, ich sehe mich (im Spiegel).


Jonas Winter
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